März 2010
Onkologie - "Nebel im Kopf" durch Chemotherapie?
Nach einer Chemotherapie klagen viele Patienten über Konzentrationsprobleme oder Vergesslichkeit. Aber hat die kognitive Hängepartie tatsächlich etwas mit der Therapie zu?
Sie stellen fest, dass sie vergesslich und zerstreut sind, für alles länger brauchen als früher oder dass ihnen merkwürdige Fehler und Verwechslungen unterlaufen. Die meisten Krebspatienten machen für diese Einschränkungen die Chemotherapie verantwortlich. Ob das tatsächlich so ist, dazu wurden in der Vergangenheit immer wieder Studien an Patienten mit unterschiedlichen Krebserkrankungen und Behandlungen durchgeführt. Mit folgendem Ergebnis:
Die Untersuchungen zeigten zwar leichte Einschränkungen der kognitiven Fähigkeiten, aber nicht bei allen Patienten. Außerdem wiesen die Tests immer wieder eine Diskrepanz auf zwischen subjektiv empfundenen Einschränkungen und objektiv nachweisbaren. Das heißt: Es wurden zwar tatsächlich leichte Einschränkungen der geistigen Fähigkeiten festgestellt, nur bei den falschen Patienten. Nämlich überwiegend bei denjenigen, die nicht darüber klagten. Bei denjenigen, die über Probleme klagten, wurden größtenteils keine festgestellt.
Demnach hat die Chemotherapie keinen direkten gravierenden Einfluss auf die Geistesleistung.
Gibt es eine Ursache für den subjektiven "Nebel im Kopf"?
Ein Forscherteam der Frauenklinik der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) hat nun die Diskrepanz zwischen objektiven und subjektiven Störungen geistiger Funktionen genauer untersucht.
Die Untersuchung, an der 100 Brustkrebspatientinnen teilnahmen, berücksichtigte eine Vielzahl von Einflussfaktoren, die diese Diskrepanz erklären könnten. Die Forscher erfassten sowohl Gemütslagen wie Depressionen, die Neigung zu negativen Gefühlen wie Schuld- und Schamgefühlen oder Ärger, als auch andere Faktoren wie beispielsweise die Intensität der Chemotherapie.
Dass manche Menschen das Gefühl haben, geistig eingeschränkt zu sein, jedoch keine Einschränkungen nachweisbar sind und manche nachweislich tatsächlich geistig leicht gehandicapt sind, es aber überhaupt nicht merken, diese Diskrepanz ließ sich durch die Untersuchung nicht erklären. Jedoch zeigte die Studie deutlich:
Depressivität, negative Gefühle und eine sehr starke Chemotherapie mit vielen Nebenwirkungen führen zu einer pessimistischen Einschätzung der eigenen geistigen Leistungsfähigkeit.
Bisherige Studien, die die Ursache für den "Nebel im Kopf" ausschließlich in der Chemotherapie suchten, haben also in eine völlig falsche Richtung geführt. Allerdings warnt die Leiterin der Studie Dr. Kerstin Hermelink ausdrücklich davor, die Beeinträchtigungen zu bagatellisieren und abzutun:
"Auch wenn Beschwerden über einen Verlust geistiger Leistungsfähigkeit nach einer Chemotherapie meistens nicht auf nachweisbaren Schädigungen beruhen, sollten sie dennoch unbedingt ernst genommen werden. Subjektive Einschränkungen der geistigen Fähigkeiten stellen für ohnehin schon sehr belastete Patienten eine weitere Belastung dar und sollten deshalb behandelt werden."
Es helfe niemandem, das Problem zu simplifizieren und hinter Beschwerden von Krebspatienten über Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme grundsätzlich Schädigungen durch die Chemotherapie anzunehmen. Im Gegenteil – das könne Erwartungen und Ängste wecken, die den subjektiven Eindruck vom "Nebel im Kopf" eher noch fördern, meint Hermelink.
